|
Beim Vorstiegsklettern in der Halle und im Klettergarten lassen sich vier Phasen unterscheiden, die ganz ähnlich sind wie die beim Fliegen eines Düsenjets. Nämlich: Vorbereitungsphase, Startphase, Cruising-Phase und Landephase. Eine weitere Parallele zum Führen eines Flugzeugs drängt sich auf. Bekanntlich überprüft beim Fliegen der Copilot anhand einer detaillierten Checkliste, ob der Flugzeugführer alle wichtigen Verrichtungen korrekt durchgeführt hat. Erst nach diesem Partnercheck wird gestartet, gelandet oder ein anderes komplexes Manöver eingeleitet.

1. Vorbereitungsphase

Zuerst vergewissert sich die Seilschaft, dass das verwendete Seil ausreichend lang ist. Als Faustregel gilt: Länge des Seils = dreifache Höhe der Route.
Dann wird das Ende des Seils mittels Achterknoten-Schlinge gegen ein unbeabsichtigtes Durchrutschen durch das Sicherungsgerät gesichert.
Der Vorsteiger seilt sich an; die Sicherungsperson legt das Seil ins Sicherungsgerät.
Selbst- und Partnercheck durch Sicherungsperson und Kletterer:
- Anseilknoten korrekt?
- Gurte geschlossen bzw. rückgeschlauft?
- Seil richtig im Sicherungsgerät?
- Sicherungskarabiner geschlossen/zugeschraubt?
- Seilende durch Achterknoten-Schlinge gesichert?

Alle Punkte müssen durch Anfassen, nicht nur durch Hinsehen kontrolliert werden. Damit wird verhindert, dass Fehler übersehen werden, die oberflächlich betrachtet korrekt aussehen.
Beim Klettern mit Kindern muss/ sollte der Partnercheck immer von einem Erwachsenen durchgeführt werden.
Vorsicht:
- Nur Sicherungsmethoden anwenden, die wirklich beherrscht werden!
- Wird in der Vorbereitungsphase ein entscheidender Fehler gemacht und nicht bemerkt - etwa ein falsch oder nicht fertig geknüpfter Anseilknoten - wirkt das wie eine Zeitbombe, die später hochgeht.
- Deshalb in der Vorbereitungsphase nicht "Ratschen", sondern sich voll auf die Sache konzentrieren.
- Ist die vorsteigende Person über 10 Kilo schwerer als die sichernde, sollte diese sich ein ausreichendes Zusatzgewicht in den Zentralring des Klettergurtes hängen. (Siehe Bild unten folgend).
- Verfügt die Sicherungsperson über wenig Handkraft, sollte sie nur mit einem halbautomatischen Gerät (z.B. Grigri) sichern und muss dessen Handhabung beherrschen.
Zusatzgewicht bei der sichernden Person
2. Startphase
Der Partnercheck wird abgelöst durch den Partnerwatch.

Solange sich der Kletterer unterhalb des ersten Hakens befindet, nimmt die Sicherungsperson Hilfestellung ein: Mit gestreckten Armen, die Finger fest geschlossen und immer bereit, mit dem Partner im Falle eines Sturzes auf Hüfthöhe Kontakt aufzunehmen. Dann gleitet der Gestürzte am Körper des "Spotters" entlang zu Boden. Ziel ist es, dabei soviel Sturzenergie wie möglich wegzunehmen, vor allem den Kopf des Vorsteigers vor Verletzungen zu bewahren und ein Aufkommen auf den Beinen zu ermöglichen.

Das Seil wird in die Expressschlingen von dem Vorsteiger unverdreht eingehängt. Und zwar möglichst so, dass die Schnapper von dem Kletternden weg weisen. Dadurch kann das "Selbstaushängen" des Seils aus dem Karabiner nahezu ausgeschlossen werden.
Sobald der erste Haken geklinkt ist, stellt sich der Sichernde dicht an die Wand, in etwa direkt unter die eingehängten Haken. So kann der Sicherungsverantwortliche nicht aus dem Stand gerissen werden. Um Kollisionen im Sturzfall zu vermeiden, achtet der Sichernde darauf, dass er sich nicht in der Falllinie des Kletternden befindet.
Aufgabe des Sicherungspersonals ist es, "auf Fühlung" zu sichern, um Bodenstürze zu verhindern.
Der Kletterer soll aus demselben Grund möglichst nicht über Kopf, sondern in Schulter- bis Hüfthöhe klippen, und zwar aus stabiler Position, möglichst von einem guten Griff aus.
Vorsicht:
- Gerade die Startphase verlangt von allen Beteiligten höchste Konzentration.
- Es ist besonders wichtig, dass die Sicherungsperson in etwa direkt unterhalb des ersten Hakens steht und auf Fühlung sichert. "Schlappseil" und andere Formen des nachlässigen Sicherns führen leicht zu Bodenstürzen.
3. Cruising Phase
Hat der Vorsteiger den fünften Bohrhaken geklippt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Bodensturzes deutlich reduziert.
Der Partnerwatch wird fortgesetzt.

Es ist wichtig, immer so zu sichern, dass der Vorsteiger nicht behindert wird (z.B. durch Seilzug). Besonders wenn der Kletterer mal nicht auf Hüfthöhe, sondern über Kopf einhängt, muss ihm das dafür notwendige Seil schnell zur Verfügung stehen, ohne dass dabei die Sicherheit in Frage gestellt ist.
In der Cruising Phase kann der Sichernde sich ein paar Schritte von der Wand entfernen, um den Nacken zu entspannen - aber nie so weit, dass das Sicherungsseil in einem flacheren Winkel als 70 Grad zum ersten Haken führt. Sonst besteht die Gefahr, dass der Sichernde im Fall eines Vorstiegssturzes über den Hallenboden geschleift wird und gegen die Wand prallt
Besonders wenn der Vorsteiger am Limit unterwegs ist, muss oft plötzlich viel Seil ausgegeben, und dann schnell wieder eingezogen werden.
Ist der Vorsteiger dagegen "easy going" unterwegs, wird der Sichernde - richtig positioniert und das Sicherungsgerät korrekt bedienend - das Geschehen mit entspannter Achtsamkeit verfolgen.
Vorsicht:
- Auch die Cruising Phase ist keine Zeit für Tratsch! Zwar lässt im Vergleich zur Startphase die Anspannung nach, eine fortwährende hohe Achtsamkeit ist aber dennoch angesagt. Ein Sturz kann überraschend und ohne Ankündigung kommen!
- Ein Sturz ist immer möglich, besonders gegen Ende der Route.
4. Landephase
Wenn der Vorsteiger das Ende der Route erreicht, sorgt er dafür, dass die oberste Expressschlinge geklippt ist und klinkt dann die beiden Karabiner der Umlenkstation.

Dann hält sich der Kletterer auf Selbstzug am Umlenker, nimmt mit der Sicherungsperson Blickkontakt auf und gibt dann das Kommando "Zu!"

Die Sicherungsperson gibt durch ein Kopfnicken oder ein anderes vereinbartes Zeichen zu erkennen, dass sie das Kommando verstanden hat.
Erst wenn der Vorsteiger den Zug deutlich spürt, gibt er der Sicherungsperson das Kommando "Ab!"
Bei diesem Ablassvorgang achten beide darauf, dass es zu keinen Zusammenstößen mit Kletterern in der Wand oder Leuten auf dem Boden kommt.
Es hat sich eingebürgert, die Kletterer in der Nachbarschaft zu fragen, ob das Abziehen des Seils für sie zum gegebenen Zeitpunkt okay ist.
Vor dem Abziehen warnen wir die Kletterer in der Umgebung mit einem "Vorsicht Seil!" vor dem herabpeitschenden Seilende.
Vorsicht:
Es sei daran erinnert, dass auf keinen Fall zwei Seile in den Umlenker geklinkt werden dürfen, da sie sich gegenseitig durchsägen können.
Marietta meint:
Freuen würde ich mich, wenn mehr Leute verstehen würden, dass sie beim Sichern für die Gesundheit oder gar das Leben ihres Partners mitverantwortlich sind. Leider bedienen noch viel zu viele Leute ihre Sicherungsgeräte nachlässig. Häufig geben auch erfahrene Kletterer noch zu viel Schlappseil aus, wenn ihr Vorsteiger erst am zweiten oder dritten Haken ist. Gut Sichern ist fast so schwierig wie gut Klettern. Ich versuche, bei dieser Präzisionsarbeit mich so gut wie möglich zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen.

|